Loading...

Fächerblick #1

Streiflichter von Sonnenstrahlen auf den Vorhängen meines Vorgängers. Etwas blass waren sie, mussten einmal grün gewesen sein. Es fiel mir schwer, meine Lider zu heben. Blassgrüne Vorhänge, daneben eine Vase und ein Messer mit Holzgriff und Flaschenöffner. Beides Geschenke von Dea. Sie stand auf einmal einfach in meiner Lieblingsbar, setzte sich auf den Hocker direkt neben meinem und begann mit mir zu trinken, später dann auch zu reden. Bei einer Wette, ich glaube es ging darum, wie viele Bierdeckel ich von der Kante des Tresens in die Luft stoßen und wieder auffangen konnte, gewann ich dann erst die alte Vase, die eigentlich neben dem Zapfhahn stand und die sie dem Wirt gestohlen hatte, dann ihr Messer. Es war, glaube ich, auch Diebesbeute. Wie ich an diesem Abend ins Bett kam, wusste ich am Tag darauf schon nicht mehr, aber der Flaschenöffner half dabei, es auch an anderen Tagen zu vergessen. Warmer Wind stieß die Balkontür sanft auf und die zurückströmende und mit kaltem Rauch versetzte Luft zog mich nach draußen. Ein Blick nach unten: links die Alte aus 2A, die ihre Katze vor die Tür setzte, rechts eine unförmige Masse auf dem Boden und ich in der Mitte, ohne Hosen. Wo waren sie? Der Rest meiner Wohnung war unüblicherweise aufgeräumt. Spuren, die heraufziehender Damenbesuch so mit sich brachte.

Ich ging unter die Dusche. Gemusterte Fliesen und ein Duschvorhang, der dringend gewechselt werden wollte. Eine Mütze ins noch feuchte Haar und dann raus in den Kosmos. Werderplatz. Die unförmige Masse sah bei näherer Betrachtung deutlich unappetitlicher aus, als von der sicheren Entfernung meines Balkons. Frau 2A’s Katze schien dennoch ihren Gefallen daran zu finden. Ich ging ein paar Meter über den Platz, dann in das kleine Café an der Ecke zur Marienstraße. Ich achtete darauf, nie länger in dieser Straße zu sein, als ich gebraucht hätte, um in das Café zu kommen. Sie führt ins Nichts. Gesäumt von Wohnungen, Familien und die Luft bei tief stehender Sonne mit Aromen anreichernden Abendessen, die bis hinauf auf meinen Balkon zogen, führt sie einfach ins Nichts. Zu Bahngleisen und dann fort. Aber fort war ich schon. Nur Erinnerungen in der Farbe geborgter Vorhänge. Ich war froh, hier zu sein. Vor dem Café saßen immer zwei recht unterhaltsame, beleibtere Alte beim Backgammonspielen und Fluchen. Morgens bei einem Kaffee und zu späterer Stunde mit kleinen Fläschchen Kräuterlikör. Einmal warfen sie mir eine hinterher und ein bisschen von dem dicken Trunk spritzte auf meine Jacke. Ekelhaftes Gesöff. Das genaue Gegenteil von den Alten hingegen die Besitzerin des Cafés, Elise. Eine kleine Frau mit der wärmenden Ausstrahlung einer Mutter und der unwirschen Art einer Baggerschaufel. Sie war von hier, hatte in dem Café früher gekellnert, aber da kannte ich sie noch nicht. Überhaupt war das einzige Gesicht, das mir in diesem Laden überhaupt bekannt vorkam, das eines alten Mannes. Lange hatte ich den Eindruck, Elise würde mit ihm streiten, aber schnappte irgendwann genug auf um zu verstehen, dass nicht er es war, über den sie sich beschwerte, sondern die Zeit. Vermutlich im Allgemeinen.

Vor der alten Maschine, der sie unter Surren, Knarren und Dampfen mein Frühstück abrang, hatte ich schon immer ein wenig Respekt. Sie erinnerte mich schon bei der ersten Tasse an den alten Wasserboiler meiner Eltern. Gefährlich und wohltuend gleichzeitig. An manchen Tagen rieche ich heute noch feuchte Erde, Gras und ein leichter Windzug fühlt sich so an wie…
Was wird aus einem Zuhause, das kein Zuhause mehr ist? In meiner Sprache gibt es dafür kein Wort - und in dieser? Vielleicht kenne ich es noch nicht.

Aus dem Pappbecher tropfte es leicht, als ich den Platz überquerte. Obwohl ich zwei dicke Bücher aus meiner Umhängetasche zurück in den öffentlichen Bücherschrank stellte, wog sie kaum weniger. Etwas darin wog schwerer als alle Bücher, die ich kannte.



Der Espresso vor Chalid dampfte und er lächelte dankbar Elise an, die Inhaberin des Stehcafés an Chalids liebster Straßenecke. Sie hatte ihm die kleine Tasse ohne weitere Aufforderung hingestellt - wie jeden Morgen. Obwohl sie sich immer beschwerte, dass kaum noch Stammgäste kämen, früher hätte sie ja jeden im Viertel gekannt, da seien die Leute auch einfach so mal vom Werderplatz hereingekommen auf ein paar Worte, da hätten die Kinder sich noch saure Schnüre statt ja!-Eistee von Nahkauf geholt, obwohl Elise ständig über die unaufhaltsamen Ereignisse im Viertel und der Stadt lamentierte, saß Chalid doch jeden Morgen bei ihr auf einem der durchgesessenen Hocker und schlürfte seinen Espresso. Geduldig hörte er ihr zu, mit seinen dunklen Augen bestätigend ihren gestikulierenden Händen folgend, warf ab und an ein "Oui" oder ein "Hm" ein und mimte auch sonst den interessierten Hörer. Nicht, dass Elises Worte ihn nicht interessiert hätten, nur nach einer gewissen Zeit wiederholten ihre Beschwerden sich einfach. Und Chalid kam schon eine Weile zu ihr. Er fand es wunderbar, ein Stammcafé zu haben, auch, wenn Elise sich strikt weigerte, ihre Karte ein wenig "französischer" zu gestalten. Damit lag er ihr schon seit seinem ersten Besuch, als sie ihn noch bedient hatte wie einen Fremden, in den Ohren.

"Eine Frankreich Frühstück, bitte!", hatte er seine damals noch sorgsam zurechtgelegten Worte herausgewürgt wie der alte Kater in der Nebenstraße seine Haarbälle. Sie hatte kein französisches Frühstück gehabt. Nicht mal ein Croissant. Aber einen Espresso, der genauso schmeckte wie der, den er zuhause immer getrunken hatte. Und diesen Espresso trank er immer noch. So schnell und unaufhaltsam war "früher" wohl doch nicht zu "heute" geworden.

Vielleicht übertrieb Elise auch maßlos und da draußen vor den Fenstern mit langsam abblätternden goldenen Aufkleber-Aufschriften ging gar nicht so sehr die Welt unter, wie man glauben könnte, wenn man ihr Lamento hörte. Aber bitte, er wusste ja, dass sie das brauchte. Sie hatte ihm das nie so gesagt, aber er wusste es einfach. Sein ruhiges Gemüt, das sich wirklich nur erhitzte, wenn man ihm aufgrund seines arabischen Namens nicht glaubte, dass er durch und durch Franzose sei, war der ideale Gegenpol zu Elises explosionsartigen Ausbrüchen von Unzufriedenheit. Womit sie eigentlich unzufrieden war, wusste er auch nach so vielen Jahren noch nicht. Vermutlich mit nichts und allem. Der Gesamtsituation. Aus Prinzip.

Chalid mochte Elise. Obwohl sie schimpfen konnte wie ein Rohrspatz. Schlimmer vielleicht sogar. Es war wirklich verrückt: In einer Sekunde bediente sie mit ihrem breiten, familiären Lächeln einen Kunden, wartete das leise Klingeln über der Tür ab, das reine Luft verkündete, drehte sich zu Chalid und seinem Espresso um und sagte etwas wie: "Hast du das gesehen, Monsieur? Hast du? Wie diese jungen Leute heute rumlaufen, es ist unglaublich! Dem hat es wohl nicht mal mehr für ein Minütchen unterm Fön gereicht, Wahnsinn ist das doch. Wie die unter Druck gesetzt werden, bestimmt musste der in die Uni oder zur Ausbildung oder zum Praktikum, und das alles unbezahlt, all der Stress, ach Chalid, das ist doch alles wirklich..."

"Du weißt doch gar nicht, was der Junge so macht, Elise. Vielleicht geht er jetzt auch erst einmal zu seiner 'copine' und vergnügt sich ein wenig", unterbrach er sie mit seiner weichen, unverkennbar akzentuierten Stimme und einem schelmischen Zwinkern. Perplex schaute sie ihn unter den dauergewellten Stirnlocken heraus an. "Ja, darüber hast du gar nicht nachgedacht, hm? Vielleicht braucht er den Kaffee, damit er von ihrem Gerede nicht einschläft. Wenn sie so viel schimpft wie du, Elise, dann würde mich das nicht wundern!"

Eine Sekunde lang war er nicht sicher, ob sie ihn mit heißem Kaffee übergießen oder lachen würde, aber sie entschied sich für letzteres und schnappte sich mit resoluter Geste sein leeres Tässchen.

"Du bist unmöglich, Chalid!"

"Ja, aber ohne mich wärst du schon lange verrückt geworden, ma chère!"

Statt einer Zustimmung grinste sie nur und machte sich an die Zubereitung einer frischen Tasse Espresso. Ungefragt, wie immer.


Author Image
Author Image

Marc Leyendecker

Bloggt bei Atmochrom.com, Schreibt für Karlszeit.de, ist Gründer / Entwickler bei Mamas Appschmiede UG und auch sonst recht viel in diesem Internet.