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Fächerblick #2

An manchen Tagen zog das verzweigte Netz an Gassen, Schleichwegen und Höfen mich zu sich, ab von meinem Kurs und ich lies es geschehen. Es waren meist die Tage, an denen mit entweder Weg oder Ziel ohnehin nicht so wichtig waren, wie sie es hätten sein sollen. Den leeren Becher hinterließ ich auf dem Deckel eines überfüllten Mülleimers wo er sicher noch vor dem leeren von einem Windzug umgeworfen werden würde und sich auf seine eigene, kleine Reise machte. Wir sahen uns nie wieder.

Wenn eine Stadt sich, je näher man an ihr Zentrum heran tritt, immer mehr am Stand der Sonne orientiert und über Jahre hinweg die eigene Struktur von ihr abhängig macht, dann gibt es nur drei Straßenarten:

Es gibt die, die einen Sonne direkt ins Gesicht werfen. Einen ins Licht gehen lassen und beschwingen, weil sie ausleuchten was vor einem liegt und das Gefühl der Gewissheit schenken.

Es gibt aber auch die, die einen den Rücken wärmen und die einen beschützen, auch wenn man nicht immer sieht was sich in dem langen Schatten tummelt, den man vor sich wirft und dann gibt es noch die Straßen, die von der Sonne verlassen sind. Gekrümmt und blau sind sie. Sie geben nie Preis was sich hinter der nächsten Ecke verbirgt, denn sie sind ein einziger Bogen und erreichen tief stehende Sonnenstrahlen nicht zumindest ein paar reflektierende Fenster, gibt es keine Schatten. Alles verschwimmt in diesen Straßen zu einer einzigen Fläche und man bewegt sich vollkommen frei in ihnen, aber auch gänzlich ohne Orientierung, ohne Halt. Gerade deshalb sind sie meist die geschäftigsten Orte einer Stadt, auch wenn sie nur wenig von sich zeigen.

Vorbei an einem geschlossenen Kiosk auf dessen ramponierten Rollladen eine Nachricht für irgendeine Mutter notiert ist, die ich aber nicht kenne, trieb ich weiter ab und strandete auf einer Brücke, über eine rege befahrene Straße. Unter mir Berufsverkehr, der sich wie ein zäher Gezeitenstrom eine Schneise durch ein Gewirr an Ampeln, Baustellen und Radfahrern bahnt. Mir kam es vor als throne ich über allem. Erst dann wurde ich mir meiner Last wieder bewusst, beschloss mich ohne Ablenkung auf den Weg zu machen.

An der Drehtür spaltete sich die Atmosphäre. Ein Konvergenzpunkt, der mit einem Mal die Luft abschnitt, die Geräusche der Außenwelt wie eine Schleuse unterbrach und mich mit mir allein lies in kaltem, weißen Licht. Ich ging die wenigen Stockwerke gerne zu Fuß, der Fahrstuhl sollte für Kranke sein und mir blieb so immer noch ein wenig Zeit. Aber wofür? Zum „nicht nachdenken“? Aus einem Labyrinth tausender Reihen Papiers beförderte ich geübt zwei dicke Bücher über Strömungsdynamik zu Tage, öffnete meinen Laptop und lies meinen Blick über den Hauptlesesaal vor meinen Füßen schweifen. Durch das Fenster hatte ich einen Blick auf den lichtdurchfluteten Raum. Beneidenswerte Ameisen, die einfach taten was sie mussten. Ich beförderte die Last ungetaner Arbeit und schlechtes Gewissens auf den Tisch vor mir, zum Glück brauchte die alte Kiste eine Weile bis sie betriebsbereit war. Mein Vater brachte den Laptop von der Arbeit mit, wurde ausrangiert. An ihr war es jetzt etwas zu Tage zu fördern, für das ich mich zu klein fühlte. Die Mauern um mich herum waren kalt und tot, so alt wie ich und doch um so vieles weiser. Vor mir mein Display: weiß und leer, als spiegelte es meine Gedanken wieder.

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Marc Leyendecker

Bloggt bei Atmochrom.com, Schreibt für Karlszeit.de, ist Gründer / Entwickler bei Mamas Appschmiede UG und auch sonst recht viel in diesem Internet.