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Fächerblick #4

Ab einem gewissen Punkt, es war der vierundzwanzigste im zweiten Kapitel, war es mir als stünde ich hinter mir. Außer mir. Ich beobachtete mich selbst dabei inhaltslose schwarze Pixel auf ein weißes Display zu setzen und mich in ihrer Leere zu verlieren. Eine Weile stand ich so da, betrachtete mich und mein Elend, dann zog es mich fort. Weite Korridore eröffneten sich mir. Die wohl durchdachte Sortierung ergab für mich im Vorbeiziehen nur wenig Sinn, aber was tat das schon.

Wenn es mir schlecht ging, schon als Kind, schloss ich die Augen und wanderte in Gedanken durch den Garten meiner Eltern. Erstaunlich was unser Geist im Stande ist zu leisten. Zu dieser Zeit hatten meine Eltern nicht einmal einen Garten der mir als Basis meines Gedankenspiels hätte dienen können und doch fühlte er sich so real an. So warm und gütig. Seit einer Weile schon wandelte ich, wenn es mir schlecht ging, durch die Gänge dieser Bibliothek und immer fand ich irgendwo vor einem Computer sitzend mich selbst wieder. Ich wartete darauf mich irgendwann einmal zu verlieren.

Wieder bei mir. Wieder durch die Konvergenz und im Strudel der Welt. Eigentlich wollte ich nur in irgendein zu Hause und machte mich auf den Weg. Geht man kurz nach Sonnenuntergang durch eine Stadt, ist es als bewege man sich durch eine Brandung. Energetische Massen drängen dem Land entgegen, bersten an Klippen und formen es. Klein, hektisch und ausweichend fühlt man um die Knöchel aber auch eine gegengesetzte Bewegung, ein Strom der in die Ferne führt und einen zu packen droht. Jedes Mal wenn ich mich durch die menschliche Brandung nach Hause kämpfte, fand ich Schutz in dem unwirklichen Gleichgewicht dieser Strömungen, die mich fest umklammerten.

Auf seinem Weg, egal wohin, genügt es manchmal nur ein einziges Mal abzubiegen und man fühlt sich, als hätte man sich selbst seine Nabelschnur durchtrennt und watet in einem Morast aus Ungewissheit. Ich genoss diese Ungewissheit immer sehr. Vor allem die Stille, die sie ausstrahlte. Vorbei an dem Mülleimer, der meinen Becher ausspie und alten, fluchenden Männer. Meine kleine Welt. Die Tasche mit dem Laptop hätte ich vermutlich vorsichtiger auf den überladenen Schreibtisch befördern sollen, aber das sollte mir noch früh genug bewusst werden. Ich hatte genug von allem und während die junge Frau aus der Wohnung gegenüber am Telefon mit jemandem stritt, der einmal ihr Freund gewesen sein musste, setzte ich mich auf den Boden vor meinem Bett und versuchte meinen Puls zu beruhigen. Er war von der auflaufenden Brandung aus dem Gleichgewicht gebracht worden.

Ich wartete den zweiten Sonnenuntergang ab. Den, den man sieht, wenn man in einer Stadt aus einem Fenster blickt und sich um einen herum eines nach dem anderen verdunkelt. Erst wenn alle Fenster erloschen sind wie Andachtskerzen in einer Kirche, ist es wirklich Nacht. Für eine Weile wachte ich über die kleine Straße, den kleinen Platz und die Gruppe streitsüchtiger Jugendlicher wie die traurige und entmachtete Version eines Superhelden. Dann ging ich zu Bett.

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Marc Leyendecker

Bloggt bei Atmochrom.com, Schreibt für Karlszeit.de, ist Gründer / Entwickler bei Mamas Appschmiede UG und auch sonst recht viel in diesem Internet.